Der Discounter Netto muss Unsummen an Umsatzsteuer an den deutschen Fiskus nachzahlen. Grund: Sämtliche Waren wurden jahrelang umsatzsteuerfrei verkauft. Auch die Besitzer von Kundenkarten werden vom Finanzamt zur Kasse gebeten.

MAXHÜTTE-HAIDHOF (fna) – Der Lebensmitteldiscounter Netto hat ein Problem. Der nach Aldi und Lidl drittgrößte deutsche Discounter hat, so wie es sich nach einer Überprüfung herausstellte, seit mehreren Jahrzehnten keine Umsatzsteuer abgeführt. „Wir gehen davon aus, dass dies bereits seit der Gründung im Jahr 1928 der Fall war, allerdings dürfte dies erst ab den 1970er-Jahren mit der Gründung von Einzelhandelsfilialen im großen Stile durchgeführt worden sein“, so ein Sprecher der Steuerfahndung zur Nachrichtenagentur fna.

Weil sich die Finanzämter lieber um Kleinunternehmer und Privatpersonen kümmerte anstatt auch große Unternehmen ins Visier zu nehmen, konnte das Tochterunternehmen der Edeka seine Waren netto für brutto verkaufen. „Angesichts der Verjährungsfristen können wir nur die letzten zehn Jahre untersuchen“, so der Sprecher weiter. „Wir sprechen von einem Umsatz von insgesamt rund 130 Milliarden Euro und einem Schaden am Steuerzahler von 10 bis 13 Milliarden Euro.“ Hinzu kommt eine Geldstrafe in Höhe von bis zu fünf Milliarden Euro.

Beim Finanzamt will man sich jedoch nicht nur an Netto selbst schadlos halten, sondern auch sämtliche Besitzer von Kundenkarten (der sogenannten „DeutschlandCard“) zur Verantwortung ziehen. „Wir können Dank der vom Unternehmen gesammelten Daten über die Kundenkarten genau evaluieren, wie viel diese Kunden bei Netto gekauft haben“, erklärte er weiter. „Im Schnitt kaufte jeder Karteninhaber jährlich um rund 1.000 Euro ein, so dass dort wohl Steuernachforderungen plus Strafen wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung auf diese Personen zukommen werden.“

Alles in allem dürften die DeutschlandCard-Besitzer wohl durchschnittlich mit 100 bis 150 Euro pro Jahr zur Kasse gebeten werden, so die Schätzungen des Finanzamtes. „Wir gehen davon aus, dass die ersten Netto-Kunden bereits in den kommenden Wochen ihre Bescheide zur Nachzahlung der Steuern und der Zahlung ihrer Strafe erhalten werden“, so der Sprecher weiter. „Bei langjährigen Stammkunden könnten sich die Forderungen des Finanzamtes durchaus auf bis zu 2.500 Euro belaufen.“

Beim Unternehmen selbst hat man bereits Konsequenzen gezogen. Innerhalb des nächsten Monats will man die Discounter-Kette in „Brutto“ umbenennen und auf die verkauften Waren auch die Umsatzsteuer verrechnen, auch wenn man sich keiner Schuld bewusst ist. „Unser Name war von Anfang an Programm“, so ein Unternehmenssprecher zur fna. „Jeder wusste, dass wir unsere Waren ohne Umsatzsteuer verkauften – deshalb auch dieser Name. Mit unserer Namensänderung wird das wieder so sein. Unser Name ist schließlich Programm.“

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