Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Stansilaw Tillich: Weber kann Nord Stream 2 nicht stoppen

Der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen Stanislaw Tillich verweist im Sputnik-Interview darauf, dass die Energiewende mittelfristig nur über Gas geht. Hierfür sei auch die Pipeline Nord Stream 2 notwendig. Russland ist dabei ein wichtiger, strategischer Partner. Das Potential von LNG-Gas hält Tillich für limitiert.

Herr Tillich, was halten Sie von der Äußerung Ihres Parteikollegen Manfred Weber, die Gas-Pipeline Nord Stream 2 zu stoppen, wenn er EU-Kommissionspräsident werden sollte?

Sie kennen ja die Auseinandersetzung zwischen der Europäischen Union und der Bundesrepublik Deutschland. Deutschland hat sich klar für Nord Stream 2 ausgesprochen und sucht auch mit der Europäischen Union nach Wegen der Lösung des Problems. Wir werden eine Diskussion in den nächsten Jahren erleben, so zum Ende des nächsten Jahrzehnts, wenn niederländisches Gas ausgeht, dann werden die Niederlande und Großbritannien sich auch fragen, wo das Gas herkommen soll, und ich glaube, sie werden nicht nur LNG-Gas aus den USA nehmen.

Kann Weber das Projekt überhaupt noch stoppen?

Ich glaube, er und die Europäische Kommission in Gänze wird dieses Projekt nicht stoppen können, weil es ja nicht nur Deutschland versorgt, sondern einen großen Teil der Europäischen Union. Der Weg hin zu mehr Klimaschutz, zu weniger CO2 wird über das Gas führen und dementsprechend wird der Bedarf an Gas natürlich deutlich wachsen. Hier wird es eine Frage sein und die ist ja noch zu beantworten: Wie gehen wir mit dem Gas um, was heute noch aus den alten Leitungen über Jamal und über die Slowakei und die Ukraine nach Europa kommt, wie gehen wir damit um? Das wird natürlich auch eine Frage sein, damit man nicht abhängig wird von einer oder zwei Leitungen, sondern dass es eine Vielzahl von möglichen Trabsportwegen gibt.

Aber die Kanzlerin hat ja selbst in München gesagt: Ein Gasmolekül ist ein Gasmolekül. Also, der Transportweg ist egal, es bleibt russisches Gas.

Ja, selbstverständlich bleibt es russisches Gas am Ende des Tages. Russland ist der größte Erdöl-Exporteur, allein wir  importieren bei Öl nahezu 90 Prozent unseres Rohstoffbedarfs aus Russland. Auch bei Gas und anderen Rohstoffen ist der russische Anteil hoch. Also für uns ist Russland ein wichtiger, strategischer Partner. Und das wünscht sich doch jeder Deutsche, dass die deutsche Volkswirtschaft brummt.

Kennen sie die Meinung der Kanzlerin zu Nord Stream 2? Inwieweit wird sie das wirklich bis zum Ende durchhalten und durchziehen?

Sie hat sich ja klar positioniert, an verschiedenen Stellen, dass sie sich für Nord Stream 2 ausgesprochen hat. Diese Äußerung für Nord Stream 2 ist ja auch daran gebunden, dass man die verschiedenen Transportwege beibehalten möchte, also auch die anderen Europäischen Partner nicht vor die Stirn stößt, indem man die Leitungen über die Ukraine oder über die Slowakei verknappt, sondern dass man die weiter betreibt. Aber umgekehrt, weiß jeder auch, dass in diesen Regionen die notwendigen Investitionen getätigt werden müssen. Also man kann nicht nur Transit-Gebühren nehmen und dafür die Leitungen verrotten lassen, sondern man muss auch das Geld in das Leitungs- oder in das Infrastruktursystem investieren, damit es tüchtig bleibt.

Wenn Deutschland oder die Europäische Union LNG-Terminals subventionieren in Polen oder in Deutschland, ist das nicht in gewisser Weise unfairer Wettbewerb gegenüber Erdgasleitungen, die rein privatwirtschaftlich finanziert werden?

Nein, das ist es nicht. Wettbewerb ist Wettbewerb. Aber man muss sich mal die Zahlen auf der Zunge zergehen lassen: Es gibt seriöse Studien, wie viele Schiffe auf den Weltmeeren eigentlich mit LNG durch die Gegend „schippern“ können. Das ist alles limitiert. Man kann auch nicht innerhalb von wenigen Stunden ein LNG-Schiff löschen. Das heißt also, wenn Deutschland sich entscheidet, zwei LNG-Terminals zu bauen,  dann kann damit frühestens in zehn Jahren ein Anteil von gerade einmal 15 Prozent am Gas, welches in Deutschland verbraucht wird, abgedeckt werden. So habe ich zumindest einer seriösen Studie entnommen. Das ist also wirklich nicht gerade die Wucht in Tüten.

Sie waren Ko-Vorsitzender der Kommission zum Kohleausstieg. Sind sie zufrieden mit dem Ausstiegsergebnis?

Was heißt zufrieden? Wir hatten einen Auftrag und diesen Auftrag haben wir, wie man so schön sagt, erfüllt, indem wir ein Ausstiegsdatum genannt haben. Wir haben ein Szenario aufgezeichnet, welches uns in die Lage versetzt, 65 Prozent Erneuerbare Energien zu haben und über 50 Prozent CO₂ einzusparen. Bedingung dafür ist aber, dass die Menschen in den Regionen, die jetzt von der Verstromung der Kohle leben, eine neue  wirtschaftliche Perspektive bekommen.

Sie kommen selbst aus der Lausitz, einer Bergbau-Region. Tat Ihnen die Entscheidung entsprechend ein wenig weh im Herzen?

Ja, selbstverständlich. Wir haben uns in dieser Frage auch sehr lange und immer wieder – und ich glaube zu Recht – zur Wehr gesetzt, weil es ja nach wie vor noch Kohle gibt in diesen Regionen. Aber umgekehrt muss man natürlich auch die gesellschaftliche Debatte zur Kenntnis nehmen, die stattfindet in der Bundesrepublik Deutschland.

Ist der Atomausstieg nicht ein wenig absurd, wenn ringsherum alle Länder in Atom investieren?

Ja, ist schon interessant, dass es Vattenfall ist, die sich einerseits aus der Kohlenverstromung verabschieden und gleichzeitig ihren Bereich der Kernenergieverstromung deutlich ausbauen.  Ein französisches oder belgisches Kraftwerk ist für den Westen Deutschlands genauso gefährlich, wie eines, welches in Deutschland steht. Da darf man sich auch die Augen nicht verkleistern. Hier ist der europäische Nachbar dann gefragt.

Bitte teilen:

Gib den ersten Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.